„Die Lyrik, der Sinn für absolute Sprache, ist eines der letzten Kriegsopfer“, schrieb Franz Werfel 1927. „Wir leben wieder am Beginn. Alles ist Zweck. Das knappe Wort, schwer von sachlicher Mitteilung, kann keine Flügel heben.“
Dieser Befund fällt ein Jahrhundert später bestimmt nicht günstiger aus, gleichwohl hat das 20. Jahrhundert bedeutende Lyriker hervorgebracht, unter ihnen Gottfried Benn, Bert Brecht, Erich Kästner, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Sarah Kirsch, Durs Grünbein, um nur einige zu nennen. Das macht Mut, weiterzuschreiben!
Denn Gedichte zu schreiben, bedeutet heute womöglich mehr denn je die Quadratur des Kreises, so jedenfalls empfinde ich es.
Für Verlage ist das Genre ökonomisch betrachtet uninteressant, Publikum und Kritik sind irritiert, weil Regeln zur Verdichtung der Sprache aufgegeben und die Kriterien für die Beurteilung ihrer Qualität der Freiheit der Kunst überlassen wurden.
Gedichte zu schreiben, die berühren, ist Herausforderung und Chance zugleich, gerade in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird: sich einen Moment, eine Gedichtlänge lang, auf eine Pause einlassen, die Eindrücke der Wirklichkeit in die Musikalität der Sprache und deren Rhythmus verwandelt finden und in einem vielschichtigen Text auf Wahrnehmungen stoßen, die irgendwann einmal als Einsicht verinnerlicht werden können.
Lyrik ist Magie der Sprache in ihrer höchsten Form.
Eure Schönheit achte ich
suche zu fassen euer Geheimnis
hüte die magische Kraft
die andere vergessen haben
sammle euch ein im irdenen Krug
zum Glasperlenspiel für künftige Zeiten.
Ich sorge für eines
und viele zugleich
streue euch aus
bunt glitzernd in der Sonne
weiß den veruntreuten Schatz
gleichwohl nicht zu nutzen.
Ich greife nach euch
bleibe selbst mir fremd
im Labyrinth der Gedanken
erinnere mich an eine Träne
erstickt im ockerfarbenen Schlamm
verdorrter Gefühle.
Nach einem einzigen Wort
sehne ich mich:
Gib mir das heilige Zeichen
das Erlösung verspricht.
Zwiesprache mit Gott –
Du aber schweigst.
Ratlosigkeit zwischen Himmel und Erde.
aus Quadratur des Kreises
Eure Schönheit achte ich
suche zu fassen euer Geheimnis
hüte die magische Kraft
die andere vergessen haben
sammle euch ein im irdenen Krug
zum Glasperlenspiel für künftige Zeiten.
Ich sorge für eines
und viele zugleich
streue euch aus
bunt glitzernd in der Sonne
weiß den veruntreuten Schatz
gleichwohl nicht zu nutzen.
Ich greife nach euch
bleibe selbst mir fremd
im Labyrinth der Gedanken
erinnere mich an eine Träne
erstickt im ockerfarbenen Schlamm
verdorrter Gefühle.
Nach einem einzigen Wort
sehne ich mich:
Gib mir das heilige Zeichen
das Erlösung verspricht.
Zwiesprache mit Gott –
Du aber schweigst.
Ratlosigkeit zwischen Himmel und Erde.
Aus: Quadratur des Kreises
Quadratur des Kreises. Gedichte von Gudrun Braunsperger, gelesen von Fanny Altenburger
Quadratur des Kreises. Gedichte von Gudrun Braunsperger, gelesen von Fanny Altenburger
In der sibirischen Kriegsgefangenschaft als Soldat im Ersten Weltkrieg wurde Heimito von Doderer zum Schriftsteller. Deshalb setzt der Wiener Literaturkritiker Klaus Nüchtern diese sibirische Zeit an den Beginn seiner Erkundungsreise durch Vita und Werk des Autors. Die Strudlhofstiege im 9. Wiener Bezirk hat durch den gleichnamigen Roman Berühmtheit erlangt. Nicht nur Wiener Treppen und Gassen lassen sich in Doderers literarischem Oeuvre erkunden, sondern auch Hausflure und Souterrains: Ausgangspunkte, um der Atmosphäre der österreichischen Hauptstadt vor dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit nachzuspüren und diese rückwirkend wiedererstehen zu lassen. Klaus Nüchtern entdeckt überdies die Komik bei Doderer und in dessen Erzähltechnik gar eine erstaunliche Verwandtschaft zum Filmschaffen Alfred Hitchcocks.
Die Epoche der Aufklärung hat an der religiösen Gewissheit eines Himmels gehörig gerüttelt. Mit der Emanzipation von tradierten Glaubenslehren gingen auch die Trauer über deren Verlust und die Sehnsucht nach einer neuen geistigen Verortung einher, die gelegentlich mit Nostalgie und Rückwärtsgewandtheit verwechselt wird. In seiner Geschichte der Romantik richtet Stefan Matuschek den Blick als Literaturwissenschaftler auf den geistigen Kosmos, auf die Metaphysik der romantischen Epoche. Der von ihm untersuchte „gedichtete Himmel“ erstreckt sich weit über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus bis nach England und Schottland, Frankreich und Italien.
Die Altphilologin Melanie Möller setzt sich dafür ein, dass Literatur unangepasst und rebellisch bleibt und allen Aufforderungen, woke oder moralisch zurechtfrisiert zu werden, widersteht. Hier erklärt sie, warum sich die Überlieferung der abendländischen Literaturgeschichte und politische Korrektheit nicht gut miteinander vertragen und was wir verlieren, wenn wir das übersehen.
Der Band enthält das Prosawerk der Moskauer Dichterin Marina Zwetajewa (1892-1941). 1910 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband, schloss sich aber keiner der tonangebenden literarischen Strömungen an. Nicht nur literarisch blieb sie Einzelgängerin, auch im russischen Bürgerkrieg verweigerte sie die politische Parteinahme. 1922 folgte sie ihrem Mann Sergej Efron in die Emigration, die Familie lebte zunächst in Prag, später in Paris. Unter den Emigrantenkollegen fühlte sie sich isoliert: „Die einen halten mich für eine ‚Bolschewikin’, die anderen für eine ‚Menschewikin’, die dritten für das eine und andere, und alle gehen sie daneben … die Welt schreitet voran und muss voranschreiten, ich aber mag nicht, es gefällt mir nicht, ich habe das Recht, nicht mein eigener Zeitgenosse zu sein …“.
1939 kehrte Marina Zwetajewa in die stalinistische Sowjetunion zurück. Wie schon in den Bürgerkriegsjahren kämpfte sie unter widrigsten Umständen um das physische und geistige Überleben. 1941 entschied sie sich für den Freitod.
Ausgestrahlt in der Sendereihe „Ex Libris“, am 8.9.2018
„Sie sagen, es gäbe kein Papier mehr“, schreibt Marina Zwetajewa in den Tagen der Oktoberrevolution 1917 in ihr Tagebuch. „Der eine sieht darin weiter nichts, der andere ein Zeichen.“ Die dichtende Seherin deutet richtig: Dieser scheinbar nebensächliche Begleitumstand der Revolutionswirren weist auf etwas voraus, markiert einen schicksalhaften Wendepunkt.
Schreiben, die Wahrnehmung von Welt in Worte fassen und sich darin mitteilen: das macht das Wesen der russischen Dichterin aus, das ist ihr Atem, ihre Musik, die von ihr gewählte und die ihr bestimmte Form von Dasein. Fortan wird Marina Zwetajewa um ihre Existenz als Poetin ringen müssen: „Die Emigration hat mich zum Prosaisten gemacht“, schreibt sie 1933 an eine Freundin. „Es ist eine lyrische Prosa, dennoch kommt sie nach den Gedichten!“
Nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion zerbricht sie schließlich nicht zuletzt am Anspruch, ihre Freiheit als Mensch und als Dichterin zu bewahren. „Es ist Zeit, dem Schöpfer die Eintrittskarte zurückzugeben“, heißt es in einem Gedicht, das zwei Jahre vor ihrem tragischen Freitod 1941 entstanden ist und ihre übergroße Verzweiflung ausdrückt. Der Spielraum der Rebellin ist in einer Welt der totalitären Herrschaft und grausamen Politik des Krieges zu eng geworden. Der Geist des Aufbegehrens war immer schon in ihr, davon kann man sich gerade auch in ihren Prosatexten überzeugen. Der Widerspruchsgeist der Zwetajewa geht mit frühreifer Weisheit um eine mythische Ordnung der Welt einher, die sie als schicksalhaft begreift, mit Neugier betrachtet und bestaunt, als Sprachartistin reflektiert und kommentiert, mit der magischen Kraft des dichterischen Worts.
In ihrem Prosawerk, das in den dreißiger Jahren entstanden ist, verarbeitet Zwetajewa autobiographisches Material. Die Lyrikerin, die in der Emigration in Prag und Paris mit Gedichten kein Geld mehr verdienen kann, wendet sich ihrer Vergangenheit zu und lässt eine Welt wieder lebendig werden, die es nicht mehr gibt. Sie schreibt über ihre Kindheit in Moskau und auf der Datscha in Tarussa, in „Mutter und Musik“ über ihre Beziehung zur frühverstorbenen Mutter, einer Pianistin, in „Das Museum Alexanders III.“ über den Vater, den Gründer des Moskauer „Puschkin-Museums“, in „Das Haus beim Alten Pimen“ über die Familie des Stiefgroßvaters und in „Erzählung von Sonetschka“ über ihre Liebe zur Schauspielerin Sonja Holliday. Aus den Tagebuchaufzeichnungen in ihren Notizbüchern gestaltet sie lyrische Prosa, sie hat sie im Chaos des russischen Bürgerkriegs immer bei sich getragen, damals waren sie ihr ein lebensrettender Anker. Das Projekt, das Material unter dem Titel „Irdische Zeiten“, Moskauer Aufzeichungen der Jahre 1917 bis Ende 1919, als Buch zu publizieren, zerschlägt sich zwar, nur Auszüge daraus werden zu Zwetajewas Lebzeiten veröffentlicht. Die mit dem Blick auf eine Leserschaft bearbeiteten Tagebuchaufzeichnungen geben immerhin einen Einblick in die poetische Schreib- und Denkwerkstatt einer Dichterin. Sie komponiert lyrische Bilder, zum Beispiel dieses: „Mir geradewegs ins Gesicht der Mond. Ich fange ihn wie in einem Spiegel im silbernen Schild meines Ringes ein“. Die Kreativität der Sprachkünstlerin ist gerade auch in diesen Prosatexten enorm: Sie jongliert mit Wörtern und spielt mit Assonanzen und Alliterationen, Diminutiven und Neologismen, Redewendungen und Zitaten. Dass die Qualität der vielgestaltigen Wortspiele in der deutschen Übersetzung nicht verloren gegangen ist, das ist eine besondere Leistung des Übersetzerinnen-Kollektivs, bestehend aus Hilde Angarowa, Marie-Luise Bott, Elke Erb, Regine Kühn, Ilma Rakusa und Margarete Schubert. Gelegentlich hat die russische Lyrikerin auch die deutsche Sprache miteinbezogen, eine Sprache, mit der die Enkelin eines Baltendeutschen durch eine deutsche Kinderfrau und nach einer Zeit im Internat in Freiburg von früh auf vertraut war. So las sie die deutschen Dichter der Romantik im Original Heine: Hölderlin und der späte Goethe zählten zu ihren Lieblingsdichtern. Ein ganzes Kapitel ihrer Tagebuchprosa ist der Liebe zu Deutschland und zur deutschen Kultur gewidmet, eine Liebe, die nach dem Ersten Weltkrieg, ganz Zwetajewa, wider den Zeitgeist war.
Es geht Marina Zwetajewa dabei um nichts weniger als um die Wahrheit. Feinfühlig für den politischen Puls der Zeit begreift sie sich nicht als Chronistin im strengen Sinn. Sie unternimmt eine eigenwillige, persönliche und subjektive Deutung der Fakten: „Die Wahrheit ist eine Überläuferin“ schreibt sie einmal. In ihrer dichterischen Prosa werden Episoden plastisch, indem sie mit Worten Bilder malt, ihre Dialoge haben musikalischen Rhythmus, sie verzichtet beim Erzählen auf einen stringenten Handlungsverlauf, hält immer wieder inne, um Atmosphäre in poetischer Betrachtung zu schaffen. Nichts desto weniger vermag sie erzähltechnische Spannung zu erzeugen, sodass man einen Prosatext wie „Das Haus beim Alten Pimen“ atemlos verfolgt.
Gerade dieser Text ist ein gutes Beispiel für höchste literarische Könnerschaft: Zwetajewa sichert sich die Empathie des Lesers für ihre Figuren, wenngleich sie die feine Beobachterin bleibt, die von einem Werturteil immer wieder inneren Abstand nimmt. Das Thema ist die Macht eines Familiensystems, vorgestellt an der Familie des Stiefgroßvaters, des durch seine Lehrbücher landesweit bekannten Historikers Dmitrij Ilowajskij. Er erlebt als Neunzigjähriger den Untergang seiner Lebenswelt, während die Revolution seine Millionen erbt. Die Enkelin stilisiert den unnahbaren, hartherzigen, gleichwohl beeindruckenden Patriarchen zu Hades, den Gott der Unterwelt, hat er doch nicht nur seine erste Frau überlebt, sondern bis auf eine Tochter alle seine Kinder. „Menschen wie ihn kann man nicht richten. Es wird sie auch nicht mehr geben. Gewesen sind sie.“ Am Beispiel dieser Familie, deren systemische Gesetzmäßigkeiten Zwetajewa zu ergründen sucht, ersteht vor den Augen der Leser das Sittenbild einer ganzen Epoche: die erdrückende psychische Gewalt bürgerlicher Vernunftherrschaft im 19. Jahrhundert. Das Ilowajskijsche „Haus beim Alten Pimen“ ist das Symbol einer geschlossenen Ordnung: „Es bedrückte, durch all jene, die in ihm früher gelebt hatten“.
Marina Zwetajewa hat nicht Handlung im Blick, sondern das Geschehen, nicht Tun, sondern das Sein. Sie erfasst Menschen mit ihren Worten im Kern ihres Wesens. Der früh verstorbenen Freundin Sonja Holliday hat sie in einem ihrer bedeutendsten Prosatexte „Erzählung von Sonetschka“ ein dichterisches Denkmal gesetzt:
„Vor mir ein lebendes Feuer. Alles an ihr brennt. Brennende Wangen, brennende Lippen, brennende Augen, unversehrt die brennenden weißen Zähne im Scheiterhaufen des Mundes. Die Zöpfe brennen, als ob sie sich aus den Flammen winden! Die Zöpfe brennen, als ob sie sich aus den Flammen winden! – zwei schwarze Zöpfe, der eine auf dem Rücken, der andere auf der Brust, als hätte es ihn vom Scheiterhaufen weggeschleudert. Und der Blick aus diesem Feuer – solches Entzücken, solche Verzweiflung, solches: Ich fürchte mich! Solches: Ich liebe!“
Die Romane von Fjodor Dostojewskij und seine Kunst, einen Krimi-Plot dafür zu benutzen, um philosophische Fragen zu stellen und in Romanfiguren unterschiedliche Antworten anzubieten, haben mich schon früh fasziniert. Dostojewskij selbst war ein Getriebener, der viele der menschlichen Abgründe, die er beschreibt, auch selbst durchlebte. Andreas Guski bietet einen aufregenden Einblick in Biographie und Werk eines Schriftstellers. Dostojewskij war nicht nur ein sensibler Diagnostiker seiner Zeit, er hat auch so manches vorausgeahnt, was ihn bis heute aktuell macht. Auch wenn es schwieriger wird, in die immer ferner rückende 19. Jahrhundert einzutauchen und in unserer beschleunigten Welt Zeit für dicke Romane zu finden: der Aufwand lohnt sich allemal.
Erschienen im Spectrum der „Presse“ am 1.12.2018
Es ist still geworden um diesen Autor. Fjodor Dostojewskijs Werk ruht gut verwahrt im Kanon der Weltliteratur. Für den intellektuellen Diskurs scheint er sich als Prophet der 20. Jahrhunderts, als den ihn Albert Camus mit dem Blick auf die Totalitarismen seiner Epoche noch vor einem guten halben Jahrhundert gepriesen hat, erledigt zu haben. Mit der Rezeption dieses Autors im 21. Jahrhundert ist es eine heikle Sache: Romane wie „Schuld und Sühne“ und „Die Brüder Karamsow“ sind dicke Wälzer mit verschlungenen Plots, die hohe und vor allem lang anhaltende Lesekonzentration erfordern, nichts für Eilige im hektischen Alltag der Gegenwart. In der fiebrig-nervösen Exaltiertheit so mancher Romanfigur entfaltet sich eine Form von Emotionalität, die dem nüchtern-sachlichen Grundton unserer Zeit zuwiderläuft. Und vor allem: Dreh- und Angelpunkt von Dostojewskijs Werk ist die Frage nach Gott im Ringen um Glauben und Zweifel. Die daraus abgeleitete zentrale Überzeugung, dass nämlich der Verlust des Glaubens die Ursache aller Probleme in Gegenwart und Zukunft sei, hat dazu beigetragen, diesen Autor und Denker einer säkularisierten Gesellschaft zu entfremden.
Damit ist leider auch einiges in Vergessenheit geraten, was den Schriftsteller aus Petersburg auf der Höhe unserer Zeit diskurswürdig macht. Neben der Psychologie der seelischen Abgründe des Menschen, neben einer Metaphysik des Verbrechens und neben der Bedeutung von Transzendenz für den menschlichen Geist zieht sich ein weiteres Thema durch so gut wie alle seine großen Werke, das eine Debatte über diesen Autor höchst aktuell und in Zeiten der globalen Finanz- und Schuldenkrise geradezu brisant erscheinen ließe: das Wesen des Kapitals in der modernen Gesellschaft. Die Gedanken dieses über weite Strecken seines Lebens hoch verschuldeten Schriftstellers kreisten ständig um Geld: Dostojewskij musste das Schreiben, das ihm als einzig mögliche Form von Erwerbsarbeit erschien, selbst finanzieren, anders als seine Schriftstellerkollegen und -konkurrenten Iwan Turgenjew und Lew Tolstoj. Sie waren als adelige Gutsbesitzer nicht auf die Einnahmen ihrer schriftstellerischen Tätigkeit angewiesen und hatten im russischen Verlagswesen nicht zuletzt deshalb einen weitaus höheren Marktwert. Aber nicht nur die Gesetze des modernen (Literatur-)Marktes, mit denen Dostojewskij schmerzlich Bekanntschaft machte, hinterfragte er aus eigenem Erleben. Als nach dem Tod des Lieblingsbruders Michail das Projekt der gemeinsamen Zeitschrift endgültig eingestellt werden musste, das den Brüdern und der Familie Michails wenigstens eine Zeit lang das Auskommen gesichert hatte, verzockte Dostojewskij auf seinem vierjährigen Auslandsaufenthalt auf der Flucht vor seinen russischen Gläubigern notorisch sein Geld in deutschen Kasinos, zur Verzweiflung seiner Frau, die Kleider und Schmuck ins Pfandhaus trug. Geld wird in Dostojewskij Romanen gewonnen und verloren, verbrannt und gestohlen, es bewegt sich im Spannungsfeld zwischen dem fiktiven Ort Roulettenburg in „Der Spieler“ und dem Protagonisten Arkadij im „Jüngling“, der mit dem Vorsatz antritt, ein Kapitalist zu werden, und am Ende ein weit wertvolleres Kapital erworben haben wird, nämlich sich selbst.
Zum ersten Mal seit mehr als einem Viertel Jahrhundert ist nun wieder eine Biographie über Fjodor Dostojewskij auf Deutsch erschienenen. Andreas Guski hat ein brillantes Buch geschrieben, das seinem biographischen Objekt absolut gerecht wird: einem Autor, der mit einst höchst publikumswirksamen kriminalistischen Romanen zum Klassiker wurde. Die Arbeit des emeritierten Professors für Slawistik an der Universität Basel ist wissenschaftlich ebenso solide wie vergnüglich zu lesen, wenngleich die Tragik der erzählten Lebensgeschichte betroffen macht. Man liest sie mit ebensolcher Atemlosigkeit wie Dostojewskijs Romane. Die Biographie ebnet den Weg zum Begreifen, zum Verstehen mit dem Herzen, um das es dem Dichter ging. Das lässt auch das Ungemütliche in seinem Werk besser akzeptieren, mit dem man sich bisweilen schwer tut, allem voran mit seinem Judenhass. Es ist ein Buch, das dazu angetan ist, heutigen Lesern den Weg neu zu bahnen zu einem Autor, von dem alles, was er als Fiktion zu gestalten vermochte, selbst erfahren, durchlebt und durchlitten worden war.
„Immer und überall gehe ich bis an die äußersten Grenzen, mein ganzes Leben lang habe ich diese Grenzen überschritten.“ Als Epileptiker machte er diese Grenzerfahrung in einem jenseitigen Bezirk: Er beschrieb das Glücksgefühl, das einem häufig Grauen erregenden Anfall voranging, als einen Moment der Hellsichtigkeit.
Die zentrale Grenzerfahrung seines Lebens war jedoch die Konfrontation mit dem Sterben im Alter von 28 Jahren. Als Mitglied einer gegen das autokratische Regime von Nikolaus I. gerichteten Gruppe utopischer Sozialisten wurde er nach einer mehrmonatigen Haft in der Peter-Pauls Festung zum Tod verurteilt und an einem eisigen Dezembertag 1849 im letzten Moment auf dem Richtplatz begnadigt. Das Todesurteil wurde in vier Jahre sibirische Gefangenschaft und weitere vier Jahre Verbannung umgewandelt. Über die Zeit inmitten von Schwerverbrechern im Lager geben die „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ Auskunft. Dorthin begleitete den Schriftsteller ein einziges Buch: das Neue Testament. Diese Zäsur in seinem Leben wurde zum Moment der Bekehrung. Nicht nur Dostojewskijs Hinwendung zu einer spirituellen Deutung von Welt hat an diesem Wendepunkt ihren Ursprung, sondern auch seine allmähliche Konversion zum späteren zarentreuen Konservativen, über die viel gerätselt wurde. In den folgenden Jahren festigte er seine europakritische Weltanschauung innerhalb des Diskurses der russischen Intelligenz des 19. Jahrhunderts auf der Seite der Slawophilen, die für Russland einen eigenständigen, an der russisch-orthodoxen Tradition orientierten Entwicklungsweg forderten und die seit Peter dem Großen vollzogene Orientierung am Westen und dessen Werten als individualistisch und zersetzend ablehnten. Dostojewskij, der diesen Disputen in seinen späten Romanen viel Raum gibt, kannte die Position der „Westler“, weil er sie einst selbst durchmessen hatte.
In der Vereinnahmung von Dostojewskijs Werk in Putins Russland spiegelt sich zum einen der „Autor der Krise“ wider, als den ihn Guski anhand der Rezeptionsgeschichte beschreibt, zum anderen ist die Diskussionen zwischen Slawophilen und Westlern des 19. Jahrhunderts auch ein Schlüssel zum besseren Verständnis des aktuellen geopolitischen Konflikts, der alte ideengeschichtliche Bruchlinien wieder zu Tage treten lässt.
Thomas Sautner zählt zu jenen österreichischen Autoren der Gegenwart, die man nicht verpassen sollte. In seinen Romanen durchdringt der gebürtige Waldviertler die Atmosphäre konträrer Welten zwischen Stadt und Land und bringt sie auf unnachahmliche Art zum Leuchten. Während sein jüngster Roman Pavillon 44 in Wien spielt, schildert Sautner das Leben auf dem Land mit seinem intensiven Kontakt zur Natur im niederösterreichischen Grenzgebiet zu Tschechien in früheren Werken wie Großmutters Haus und Die Erfindung der Welt, übrigens aus weiblicher Perspektive. In der Erfindung der Welt erlebt die Schriftstellerin Aliza Berg ihre Verwandlung in eine Romanfigur: ein Spiel mit der Fiktion in der Fiktion.
Ausgestrahlt in der Sendereihe „Ex Libris“, am 28.2.2021
Das Leben mit unbestechlichen Augen neu entdecken: So lautet der nur mit G unterzeichnete Auftrag an die renommierte Autorin Aliza Berg, der diese nach Schloss Litstein führt und ihr die kleine Ortschaft im Grenzgebiet für ihr nächstes Romanprojekt empfiehlt, um „das Leben exemplarisch anhand dieser Gegend und all ihrer Bewohner zu beschreiben“. Eine immense Summe ist dazu bereits auf Alizas Konto überwiesen und die Schriftstellerin vermag dem verführerischen Angebot nicht zu widerstehen. Auf dem Schloss findet sie die Gastfreundschaft von Elli, Gräfin Hohensinn, und in ihr bald auch eine neue Freundin. Nach und nach erkundet Aliza nicht nur die Welt der Aristokratie, sondern taucht ein ins soziale Beziehungsgeflecht vor Ort.
In dem neuen Roman von Thomas Sautner „Die Erfindung der Welt“ trifft man auf alte Bekannte aus dem Sautnerschen Figuren-Kosmos: Neben Leopold, Ellis Gatten, der bereits in „Großmutters Haus“ als heimlicher Geliebter der Krystina Janouch aufgetreten ist, macht nun auch Aliza mit der exzentrischen Einsiedlerin und Großmutter von Malina Bekanntschaft sowie mit einem ihrer anderen Freunde, mit dem ehemals schweigenden Jakob, der ebenfalls zurückgezogen im gräflichen Forst lebt. Elli hat ihn für sich entflammt und dadurch zum Sprechen gebracht, auch sie unterhält ihre heimliche Liebesbeziehung.
Mit Aliza Berg, so könnte man meinen, habe Sautner ein Autoren-Alter Ego eingeführt, um einen Blick in eine Schreibwerkstatt anzubieten. Aber der Blick über Alizas Schulter ist einer mit Vorbehalt, denn während diese für ihren Roman recherchiert, stolpert sie in ihren eigenen Roman förmlich hinein und verliert zeitweise völlig die Kontrolle, während Sautner wie ein Puppenspieler im Hintergrund souverän die Fäden zieht. Gelegentlich nimmt er einen Perspektivwechsel vor, von Alizas erzählendem Ich zu Ellis Ich im Briefwechsel mit Jakob, in der dritten Person gesteht er dann auch anderen Protagonisten die Erzählperspektive zu. In seinen früheren Romanen, „Die Älteste“, „Das Mädchen an der Grenze“ und auch in „Großmutters Haus“ haben weibliche Figuren den Ton angegeben. Nun tritt zum ersten Mal ein Mann zögerlich ins Rampenlicht: Stand Graf Leopold in „Großmutters Haus“ noch im Schatten der resoluten Krystina Janouch, gewinnt er hier an Profil, und aus der Verkleidung des ein wenig tollpatschigen und auch erstaunlich anarchischen Toren schält sich ein im Herzen Weiser heraus.
In der „Erfindung der Welt“ führt Thomas Sautner vor, wozu Literatur in der Lage ist, und lässt uns wissen: Ein Kunstwerk ist etwas Lebendiges. Der Autor muss bereit sein, sein Werk sich selbst zu überlassen, sobald es der Schaffensprozess erfordert, er darf sich von seinem Roman überraschen lassen.
Aliza bekommt wie Malina in „Großmutters Haus“ ein großzügiges Geldgeschenk, um eine Reise zu wagen und sich auf ein äußeres wie inneres Abenteuer einzulassen. Über dieses alte Thema improvisiert Sautner in einer neuen Variation: Er nimmt Schwung, springt und landet in einem ganz anderen literarischen Projekt, das in seiner Vielschichtigkeit geradezu überwältigt. In der „Erfindung der Welt“ hat sich Thomas Sautner als Autor noch einmal neu gefunden, indem er mit der ihm eigenen gestalterischen und inhaltlichen Buntheit ein in sich stimmiges Romangebilde modelliert hat: Es ist von der Aura der sympathischen Verrücktheit umhüllt, zugleich ist Sautner ein Mystiker der Literatur, der bei allem, was ihm begegnet, das Große im Kleinen sucht und das Kleine im Großen findet: Er bildet das faszinierende Wechselspiel zwischen Mensch und Natur, zwischen winzigstem Teilchen und der kosmischen Unendlichkeit ab, er macht die Verbundenheit von allem mit allem durch Worte zu einem einzigen Ganzen.
In der „Erfindung der Welt“ entfaltet sich eine nahezu phantastische Schöpferkraft, sowohl, was die Komposition der Handlung betrifft, als auch die Konstellation der Figuren. Vor allem aber atmet das Buch im Rhythmus zwischen Vorantreiben und Innehalten, zwischen erzählter Handlung und episodenhafter Reflexion in lyrisch gestalteten philosophischen Betrachtungen über die Herausforderungen des Jetzt oder der beobachtenden Meditation über die Natur, über Zwei- und Vierbeiner in Wald und Gewässern bis hin zu Ausflügen in die entferntesten Galaxien des Weltalls. Und auch das ist Sautners Text: ein Fest der Sinne und der Sinnlichkeit, das Menschen auf diesen Seiten miteinander feiern.
Die lustvolle Sprachakrobatik, der man in diesem Text immer wieder begegnet, dient dabei einem höheren Zweck, dem Nachdenken, das sich über das Erzählen von Geschichten zu einer Botschaft über die Rätsel des Lebens verdichtet, zum Offert, dem jeder entnehme, was er gerade zu fassen vermag: eine Kombination, die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht gerade oft anzutreffen ist.
Sautner beherrscht sein Sprachmaterial wie ein Maler, der zwischen unterschiedlichen Techniken behände hin- und herwechselt und in einem Moment zarte Pastelltöne auf Aquarellpapier zaubert, im nächsten dann grobe Textur in Öl auf die Leinwand kleckst: Da wechseln wie im Rausch erzeugte explosive Sprachkaskaden und Wörter, die Purzelbäume schlagen, mit tiefsinnigen Passagen, in denen die Worte bedächtig von allen Seiten betrachtet werden, sodass ihre Poesie durchsichtig, nahezu ätherisch wirkt.
Die Literaturwissenschaft wird Freude haben mit der Ausdeutung dieses Romans, denn er ist voll von rätselhaften Symbole. Volksnah präsentiert und doch in lebendiger Kommunikation mit der kulturellen Tradition lugen sie hervor: etwa Shakespeares Kopf, an dem in der Schlossbibliothek gedreht werden kann, um in eine geheime Kammer zu gelangen, deren Bedeutung sich wiederum durch die Geschichte von Odysseus Kampf mit dem Zyklopen Niemand verschlüsseln lässt.
Du bist durchgeknallt, sagt Aliza zum zwergwüchsigen Fred, und passagenweise passt diese Zuschreibung auch für Sautners Roman. Immer wieder wird die scharfe Kurve aus dem surreal-phantastischen Grenzgebiet unfallfrei zurück genommen ins realistische Erzählen und der Leser dabei ebenso neben- wie hauptsächlich mit dem tieferen Sinn des Seins konfrontiert.
Gewissheiten stehen bei Sautner jedenfalls immer auf dem Prüfstand, auch die Wissenschaft ist da nicht ausgenommen: Gegenstand einer mit Augenzwinkern vorgetragenen Persiflage ist das ebenso brilliant wie hinterlistig an die Öffentlichkeit kommunizierte Ewigkeitsexperiment des Quantenphysiker Anton Czech, für dessen Darstellung der Prim-Energie der Nobelpreis erwogen wird. Sautner lässt es nicht an Schalk fehlen, mit dem er sich Anspielungen auf Gegenwärtiges erlaubt: so etwa auch Ellis lebensbedrohlicher Herzvirus, die seltene Mutation, die zur Verblüffung der Ärzte ohne Ansteckung erworben werden kann.
Vermessen ist die Welt bereits, zumindest in der österreichischen Gegenwartsliteratur: Sautner plädiert für den Wagemut, sie neu zu erfinden. Auch das gehört zur Vielschichtigkeit dieses Buchs – eine Passage, in der Thomas Bernhards Sprachduktus herrlich imitiert wird, aus der man je nach Neigung eine Hommage oder eine Persiflage herauslesen kann: Bewohner des Ortes schildern das Vergnügen an vergangenen Treibjagden, die nunmehr leider abgeschafft sind, da die Agenden der Jagd jetzt in weiblicher Hand lägen, bei Gräfin Elli. Man könnte das so lesen: Der Waldviertler Autor knüpft an eine bedeutende Stimme der österreichischen Literatur an, nicht ohne Respekt, aber doch mit einer versöhnenden Geste.
Gerade in Corona-Zeiten lässt sich „Die Erfindung der Welt“ als Lektüre ganz besonders empfehlen: eine gut gelaunte Flucht ins Reich der Phantasie, eine von Witz und Ironie begleitete Exkursion ins ländliche Ambiente, wo in Verbindung mit mystischer Naturbetrachtung Kraft gesammelt wird, um zum mutigen Gegenentwurf auszuholen für die bis zur Erschöpfung ausgegangenen Wege. Ein Meisterwerk der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur und ein literarisches Therapeutikum in der krisengebeutelten Gegenwart.
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