„Die Lyrik, der Sinn für absolute Sprache, ist eines der letzten Kriegsopfer“, schrieb Franz Werfel 1927. „Wir leben wieder am Beginn. Alles ist Zweck. Das knappe Wort, schwer von sachlicher Mitteilung, kann keine Flügel heben.“
Dieser Befund fällt ein Jahrhundert später bestimmt nicht günstiger aus. Gleichwohl hat das 20. Jahrhundert bedeutende Lyriker hervorgebracht, unter ihnen Gottfried Benn, Bert Brecht, Erich Kästner, Nelly Sachs, Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Sarah Kirsch, Durs Grünbein, um nur einige zu nennen. Das macht Mut, weiterzuschreiben!
Gedichte zu schreiben, bedeutet heute womöglich mehr denn je die Quadratur des Kreises, so jedenfalls empfinde ich es.
Für Verlage ist das Genre ökonomisch betrachtet uninteressant, Publikum und Kritik sind irritiert, weil Regeln zur Verdichtung der Sprache aufgegeben und die Kriterien für die Beurteilung ihrer Qualität der Freiheit der Kunst überlassen wurden.
Gedichte zu schreiben, die berühren, ist Herausforderung und Chance zugleich, gerade in einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird: sich einen Moment, eine Gedichtlänge lang, auf eine Pause einlassen, die Eindrücke der Wirklichkeit in die Musikalität der Sprache und deren Rhythmus verwandelt finden und in einem vielschichtigen Text auf Wahrnehmungen stoßen, die irgendwann einmal als Einsicht verinnerlicht werden können.
Lyrik ist Magie der Sprache in ihrer höchsten Form.
Eure Schönheit achte ich
suche zu fassen euer Geheimnis
hüte die magische Kraft
die andere vergessen haben
sammle euch ein im irdenen Krug
zum Glasperlenspiel für künftige Zeiten.
Ich sorge für eines
und viele zugleich
streue euch aus
bunt glitzernd in der Sonne
weiß den veruntreuten Schatz
gleichwohl nicht zu nutzen.
Ich greife nach euch
bleibe selbst mir fremd
im Labyrinth der Gedanken
erinnere mich an eine Träne
erstickt im ockerfarbenen Schlamm
verdorrter Gefühle.
Nach einem einzigen Wort
sehne ich mich:
Gib mir das heilige Zeichen
das Erlösung verspricht.
Zwiesprache mit Gott –
Du aber schweigst.
Ratlosigkeit zwischen Himmel und Erde.
aus Quadratur des Kreises
Eure Schönheit achte ich
suche zu fassen euer Geheimnis
hüte die magische Kraft
die andere vergessen haben
sammle euch ein im irdenen Krug
zum Glasperlenspiel für künftige Zeiten.
Ich sorge für eines
und viele zugleich
streue euch aus
bunt glitzernd in der Sonne
weiß den veruntreuten Schatz
gleichwohl nicht zu nutzen.
Ich greife nach euch
bleibe selbst mir fremd
im Labyrinth der Gedanken
erinnere mich an eine Träne
erstickt im ockerfarbenen Schlamm
verdorrter Gefühle.
Nach einem einzigen Wort
sehne ich mich:
Gib mir das heilige Zeichen
das Erlösung verspricht.
Zwiesprache mit Gott –
Du aber schweigst.
Ratlosigkeit zwischen Himmel und Erde.
Aus: Quadratur des Kreises
Quadratur des Kreises. Gedichte von Gudrun Braunsperger, gelesen von Fanny Altenburger
Lyrische Reprisen
Quadratur des Kreises. Gedichte von Gudrun Braunsperger, gelesen von Fanny Altenburger
Der Krieg wird nicht mehr erklärt, / sondern fortgesetzt. Das Unerhörte / ist alltäglich geworden“ heißt es in Ingeborg Bachmanns Gedicht „Alle Tage“ aus dem Gedichtband Die gestundete Zeit. Es ist die Literatur, in der die Hoffnung nicht aufgegeben wird, „ ein nach vorn geöffnetes Reich der unbekannten Grenzen“, so formulierte es die Autorin 1959 in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Über die Grenzen der Länder und Generationen hinweg pflegte die Ingeborg Bachmann den kollegialen und freundschaftlichen Dialog mit unterschiedlichen Briefpartnerinnen. Die zwischen 1955 und 1973 geführte Korrespondenz mit Marie Luise Kaschnitz, Hilde Domin und Nelly Sachs gewährt Einblick in die Geschichte ihrer Zeit und in den damaligen Literaturbetrieb.
„Wer wenn ich schriee, hörte mich aus der Engel / Ordnungen?“: So beginnt die erste Elegie aus Rilkes berühmtestem und zugleich rätselhaftesten Gedichtzyklus, der als Schlüsselwerk der Moderne gilt. Die Verse haben sich ins kulturellen Gedächtnis eingeprägt. Die „Duineser Elegien“ sind zwischen 1912 und 1922 in einem langwierigen Prozess entstanden, der durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde. Der Literaturwissenschaftler Christoph König hat sie in einer historisch-kritischen Ausgabe herausgegeben und mit ihnen gemeinsam auch jene Gedichte, die eine Nähe zu diesem Zyklus besitzen und die Rilke selbst gern in einem eigenen Band herausgegeben hätte.
Die Altphilologin Melanie Möller setzt sich dafür ein, dass Literatur unangepasst und rebellisch bleibt und allen Aufforderungen, woke oder moralisch zurechtfrisiert zu werden, widersteht. Hier erklärt sie, warum sich die Überlieferung der abendländischen Literaturgeschichte und politische Korrektheit nicht gut miteinander vertragen und was wir verlieren, wenn wir das übersehen.
Die Tochter eines kubanischen Diplomaten in Rom und einer italienischen Mutter wurde 1911 in Rom geboren. Sie arbeitete für Rundfunk und Fernsehen und schrieb neben Lyrik und Prosa auch Theaterstücke. Während des Krieges war sie im Widerstand aktiv und zweimal inhaftiert. Ihre Romane tragen die Handschrift der weiblichen Emanzipationsbewegung: Sie gab den Frauen der Kriegs- und Nachkriegszeit als Intellektuelle und als Autorin eine Stimme. Alba de Céspedes starb 1997 in Paris.
In ihrem Roman „Aus ihrer Sicht“ ist die Geschichte von Alessandra, einem weiblichen Freigeist aus dem italienischen Süden, deren Lebensschicksal mit den politischen Wirren ihrer Zeit verflochten ist. Es ist ein Roman über eine große Liebe und ein Verbrechen, über den Faschismus und das Patriarchat.
Ausgestrahlt in der Sendereihe „Ex Libris“, am 28.5.2023
Alba de Cespedes folgt einer schlichten chronologischen Erzählweise, dennoch ist der Roman „Aus ihrer Sicht“ raffiniert komponiert: Was als Coming-of-Age Geschichte der jungen Römerin Alessandra beginnt, endet als atemberaubender Krimi. Dass es sich um die Niederschrift einer Angeklagten handelt, die im Gefängnis auf ihr Urteil wartet, enthüllt sich erst gegen Ende des Buchs. Vordergründig ist es ein Roman über die Liebe: Das Gewaltverbrechen, das die Ich-Erzählerin Alessandra begangen hat, ist die Tat einer verzweifelten Liebenden. Aus ihrer Perspektive ist der Mord an ihrem Ehemann Francesco der ohnmächtige Versuch, die Liebe zu ihm zu retten, die die Institution Ehe zu ermorden droht.
Nähere historische Umstände werden nur angedeutet, in Alessandras unpolitischem Zugang zum Leben sind sie bedeutungslos und doch zum Greifen nah: Die Politik bestimmt den tragischen Fortgang der Ereignisse, der Ermordete ist ein Widerstandskämpfer gegen den Faschismus. Der politische Kontext bleibt auch sprachlich ausgespart, das Wort Mussolini kommt nicht ein einziges Mal vor, obgleich der Duce in der arroganten Stimme aus dem Radio ständig präsent ist. Vor der Folie einer kalten Wirklichkeit fordert die Protagonistin Existenzberechtigung für den einzigen Wert, für den es sich aus ihrer Sicht zu leben lohnt, für die Liebe, aus deren Quelle Kreativität und Schönheit, Mitmenschlichkeit und Mitgefühl gespeist werden. Krieg und Faschismus werden von der Hauptfigur dieses Romans als Höhepunkt einer Gewalterfahrung erlebt, deren Ursprung in einer männlich geprägten Gesellschaftsstruktur liegt, in der die Kraft der Liebe an Bedeutung verloren hat.
Alessandras Lebensgeschichte ist das prototypische Schicksal einer Frau des italienischen Südens. Sie beginnt in der Zwischenkriegszeit in einem kleinbürgerlichen römischen Mietshaus nahe am Tiber, dem Fluss, in dem sich Alessandras Mutter Eleonora aus Liebe ertränken wird. Diese ist eine Frau von auffallender Grazie und Anmut, sie gibt Klavierstunden und ist die Tochter einer altösterreichischen Schauspielerin. Großmutter Editta musste die Bühne jedoch mit ihrer Verheiratung aufgeben. Aus der mütterlichen Linie stammt Alessandras Sensorium für die Poetik des Lebens und ihre Liebesfähigkeit, ein schweres Erbe, wie Mutter Eleonora aus eigener Erfahrung weiß. Auch die Großmutter väterlicherseits betrachtet diese Eigenschaften einer Frau als Schwäche. Zu ihr wird Alessandra nach dem frühen Tod der Mutter geschickt, um in ihre Rolle als zukünftige Herrin des bäuerlichen Guts in den Abruzzen eingeführt zu werden, das die Großmutter als Familienoberhaupt verwaltet. Diese ist eine beeindruckende Frau, sie verkörpert das gelebte archaische Matriarchat in Süditalien, in dem die Männer des Familienverbands im Schatten stehen, allerdings zum Preis der Akzeptanz der Rolle, die die Natur einer Frau zugewiesen hat: Kinder zu gebären und, seit Jahrhunderten eingeübt, in der Wirtschaftsgemeinschaft einer Ehe nicht nach Liebe zu fragen.
„Ich hätte mir gewünscht, dass du glücklich wirst“. Die Großmutter ahnt, dass ihre Enkelin mit ihrer nur mühsam unter Kontrolle gebrachten Leidenschaftlichkeit die Stärke des Verzichts auf Liebe nicht aufbringen wird. Auch die Mutter hätte gern ein glückliches Wesen in die Welt gesetzt und lieber einen Sohn ins Leben begleitet, denn eine Tochter vermag sie nur mit unzureichendem Selbstvertrauen auszustatten, erlebt sie doch an ihrem eigenen Schicksal, dass eine Frau in einer männlich geprägten Welt mit einem poetischen Zugang zum Leben zu den Verliererinnen gehört. Männer, sagt Eleonora, „kennen das Gewicht eines Wortes oder einer Geste nicht, sie brauchen Fakten. Und Fakten gegenüber sind Frauen immer im Unrecht.“
Wenn eine Gesellschaft überdies die Gewalt des Gesetzes über die Liebe stellt, und die Kategorie des Mitgefühls, die Stärke der Frauen, wie die Großmutter weiß, außer Kraft gesetzt wird, dann werden beide Geschlechter gleichermaßen zu Opfern. Wie später Ingeborg Bachmann in ihrem Zyklus „Todesarten“ beschreibt Alba de Cespedes den Seelenmord einer Frau als Ergebnis der strukturellen Gewalt in der Institution Ehe, sichtbar geworden in der Epoche der Totalitarismen. Alessandras Liebe zum Widerstandskämpfer Francesco ist zum Scheitern verurteilt, weil dessen fanatischer Kampfgeist für die gute Sache totalitär ist, weil er dem Tun vor dem Sein den Vorzug gibt, weil in der Radikalität dieser Weltdeutung weder für die emotionale Kraft einer Frau noch für ihre Bedürfnisse Platz ist. Der Faschismus ist eine totale Erfahrung von Gewalt auf seelischer Ebene. Damit verweist Alba de Cespedes in ihrem 1949 erschienenen Roman auf eine vernachlässigte politische Dimension der italienischen Nachkriegszeit: Italiens Befreiung vom Faschismus ist unvollständig geblieben, denn die Unterdrückung der Frau ist präsenter denn je.
„Aus ihrer Sicht“ ist der packend erzählte Roman einer Autorin, die um die Mitte des 20. Jahrhunderts in einer vom Patriarchat beherrschten Gesellschaft veruntreute weibliche Werte ins kollektive Bewusstsein zu bringen versucht. Seither hat sich die westliche Gesellschaft darum bemüht, Geschlechterungerechtigkeit auf der Müllhalde der Geschichte zu entsorgen. Eine von der bipolaren Genderdynamik geprägte Welt gibt es in dieser Form nicht mehr, würden manche heute einwenden. Ist man jedoch bereit, den emanzipatorischen Weg zurück zu seinen Ursprüngen zu verfolgen, dann erlebt man eine inspirierende Lektüre. Man stellt sich nämlich unweigerlich die Frage, ob die verdrängte Form von Weiblichkeit, über die auf diesen Seiten nachgedacht wird, möglicherweise seither gänzlich auf der Strecke geblieben ist. Aus heutiger Sicht neigt man zunächst zur psychologischen Deutung: Die Protagonistin in diesem Roman liebt weniger den Mann als die Vorstellung von dem, was sie für Liebe hält. Sie verirrt sich also in ihrer Vorstellung von der ewigen Liebe ebenso wie sich der Widerstandskämpfer Francesco in seiner Vorstellung verirrt hat, die Welt zu einer besseren und gerechteren zu machen. In Alba de Cespedes Roman „Aus ihrer Sicht“ geraten diese beiden Visionen miteinander in Kollision: die von einer besseren Welt, für die es sich heldenhaft zu kämpfen lohnt, archetypisch dem Mann zugeordnet, mit der weiblichen Vision von einer Welt, in der die Liebe als das wichtigste Gefühl Anerkennung und Würdigung findet, weil sie die Grundlage dafür ist, neues Leben weiterzugeben. Visionen bleiben wirkmächtig, solange man an sie glaubt. Überprüft man die Gestaltungskraft beider Visionen an der heutigen gesellschaftlichen Wirklichkeit, dann stellt man fest, dass wir uns gegenwärtig mit einer neuen Utopie konfrontiert sehen, mit der von der Auflösung der Kategorie Geschlecht nämlich, mit der auch der geschlechtsspezifische Blick auf die Welt ein Ende gefunden zu haben scheint. Zugleich hat allerdings die ursprünglich männliche Vision von der zu gestaltenden besseren Welt aktuell Konjunktur, während die weibliche Utopie von der ewigen Liebe an Glaubwürdigkeit verloren und damit ihre Wirkmacht eingebüßt zu haben scheint. Die Perspektive, könnte man sagen, wurde also nicht gewechselt, sondern hat sich aufgelöst, tradierte ideelle Bewertungsmuster hingegen scheinen sich jedoch ganz unbemerkt verstärkt zu haben. In diesem Sinn ist „Aus ihrer Sicht“ weit mehr als ein historischer Frauenroman. Er stellt die Werte unserer Gesellschaft erneut auf den Prüfstand.
Eine Frau führt Tagebuch und beginnt im Jahr 1950, ihr Leben in Rom als Hausfrau, Mutter und Büroangestellte zu dokumentieren. Sie tut es heimlich und versteckt das schwarze Notizbuch vor ihrer Familie. Alba de Céspedes erzählt die Geschichte einer Frau, die um Respekt und Anerkennung kämpft und deren Leben sich durch das Schreiben verändert. Ihre jüngere Kollegin Elena Ferrante hat den Roman ein „Buch der Ermunterung“ genannt.
Ausgestrahlt in der Sendereihe „Ex Libris“, am 30.1.2022
Eine Frau führt Tagebuch. Sie schreibt heimlich, nachts, und versteckt es vor ihrer Familie. Für ihren Mann ist sie längst nicht mehr Valeria, er nennt sie Mama. Auch ihre beiden nahezu erwachsenen Kinder gestehen der Mutter außerhalb der familiären Pflichten keinen eigenen Raum zu und erwarten keine andere Rolle von ihr. Der Moment, in dem Valeria beschließt, den inneren Dialog der Selbsterforschung und alle bis dahin vor sich selbst verborgenen Gedanken und Gefühle einem Heft anzuvertrauen, wird ihr Leben verändern. Ihr Bewusstsein wird sich wandeln, nichts ist am Ende noch so, wie es einmal war. Und dennoch wird sie schließlich zur Erkenntnis gelangen, dass ihr die Erfahrung der Selbstbefragung in diesem Heft beigebracht habe, dass „das ganze Leben in dem quälenden Versuch vergeht, Schlüsse zu ziehen und doch zu scheitern.“
Am Beispiel einer römischen Familie des Mittelstandes schildert die kubanisch-italienische Autorin Alba de Céspedes in ihrem 1952 erschienenen und nun zum ersten Mal auf Deutsch vorliegenden Roman „Das verbotene Notizbuch“ italienische Verhältnisse der Nachkriegszeit aus der weiblichen Perspektive. De Cespedes galt zu ihrer Zeit als Bestsellerautorin, wohl deshalb, weil sich zahllose Leserinnen in ihren Gestalten wiederfanden. Valeria gehört dem verarmten Adel an, die einstige Villa der Familie wurde vom Vermögensverwalter veruntreut. Auch in Micheles Familie erinnert man sich mit wehmütigem Stolz an die Uniformen, die die Vorfahren einst getragen haben: Man ist einander in der bitteren Erfahrung des sozialen Abstiegs verbunden. Die Armut, die Valeria, Michele und ihre beiden Kinder Mirella und Riccardo erleben, drückt sich in beengten Lebensverhältnissen aus, allem voran in fehlendem Wohnraum, was bedeutet, dass es keinen Gestaltungsraum für ein eigenes Leben gibt. Hier wird eine Welt beschrieben, in der die Familienmitglieder, wenn auch in liebevoller Absicht, einander in bedrängender Weise kontrollieren. Valeria, die mit Dienstboten aufgewachsen ist, wird nun selbst zur Dienstbotin für Mann und Kinder. Überdies muss sie, anders als die ehemaligen Schulkolleginnen aus dem Internat für höhere Töchter, zum bescheidenen Gehalt ihres Mannes dazuverdienen. Michele, der einst die eigenen Träume einer sicheren Anstellung bei einer Bank geopfert hat, unternimmt einen letzten Ausbruchsversuch, indem er versucht, sein Drehbuch für einen Film zu verkaufen, leider ohne Erfolg.
Alles, was man aus der alten Welt hinüberretten konnte, sind Haltung und Prinzipien. dabei, so muss Valeria erkennen „ist es ausgerechnet diese Prinzipienstarre, zu der wir innerhalb der Familie gezwungen sind, die zu Unaufrichtigkeit führt“.
Im Schicksal von Valeria dokumentiert Alba de Cespedes einfühlsam und bewegend, was es in dieser Epoche der wirtschaftlichen Not bedeutet hat, Frau zu sein, und in welch schmerzlicher und aussichtsloser Lage sich Frauen wie Valeria befunden haben: als Brückenbauerin zwischen zwei Generationen nämlich. Zitat: „Die Vergangenheit konnte uns nicht mehr schützen, und die Zukunft war gänzlich ungewiss.“
Der Dialog zwischen den Generationen ist blockiert, weder bei ihrer Mutter noch bei ihrer Tochter findet Valeria Verständnis für ihre Lage.
Zitat:
Die eine ist mit der alten Zeit untergegangen, die andere ist daraus geboren. In mir prallen diese beiden Welten aufeinander, lassen mich aufstöhnen. Vielleicht fühle ich mich deshalb oft, als hätte ich keinerlei festen Bestand. Vielleicht bin ich nur dieser Übergang, dieser Zusammenprall.
Die zwanzigjährige Mirella bereitet sich auf eine Karriere als Anwältin vor und wartet mit Ungeduld auf den Tag ihrer Volljährigkeit, um endlich ausziehen und ihr eigenes Leben beginnen zu können, in wilder Ehe mit einem renommierten Anwalt. Ihre Mutter konfrontiert sie gnadenlos mit einem Selbstbewusstsein, das diese nie für sich selbst zu entwickeln vermochte. Während sich Mirella ihre Freiheit ohne Schuldgefühle nimmt, kehrt Valeria auf den ersten Schritten dahin wieder um, als die Familie von ihr ein weiteres Opfer für den Fehltritt des Sohnes verlangt. Sie opfert ihre Arbeit, die ihr Freude macht, und damit auch gleich noch die sich zögerlich entwickelnde Liebesbeziehung mit dem Chef. Die emotionale Spannung in Valerias Beziehung zu ihrer Tochter Mirella ist eine Mischung von Bewunderung, Neid und Kränkung über die fehlende Anerkennung der eigenen Leistung.
Zitat:
Sie begreift nicht, dass ich es war, die sie befreite, ich mit meinem zwischen alten, verlässlichen Traditionen und dem Ruf nach Veränderung zerrissenen Leben. Dieses Los ist mir zugefallen. Ich bin die Brücke, die sie sich zunutze gemacht hat, wie die Jugend sich alles zunutze macht: gnadenlos, ohne zu würdigen, ohne es überhaupt zu bemerken. Jetzt kann ich ebenso gut einstürzen.
Alba de Céspedes, geboren 1911, beschreibt in ihrem Roman „Das verbotene Notizbuch“ die Erfahrung ihrer eigenen Generation: Wie nämlich der Prozess der weiblichen Selbstermächtigung nach der Erschütterung durch zwei Weltkriege immer wieder aufs Neue ausgebremst worden ist. Hier wird ein differenziertes Bild von der Geschichte der Frauenemanzipation geboten, eine Art ergänzendes Korrektiv etwa zur Hagiographie von Rebellinnen wie Simone de Beauvoir; es ist ein Buch gegen die Spaltung, die auch in diesem ideologisch vereinnahmten Minenfeld kreiert wurde und wird: Hier die Kämpferinnen für den Fortschritt, da die rückständigen Kräfte der Reaktion, die diesen aufgehalten hätten. Dass de Cespedes einstige Bestseller heute nahezu vergessen sind, ist wohl kein Zufall: „Das verbotene Notizbuch“ räumt mit dem Klischee von der dumpfen Bewusstlosigkeit der Wirtschaftswunderzeit auf und bereichert die komplizierte Wirklichkeit der weiblichen Emanzipation um einige wichtige Details.
Dieser Roman vermag Mitgefühl für eine ganze Generation verlorener Frauen zu erwecken und erweist diesen Respekt: Auch die Unsichtbaren unter ihnen nämlich haben das Fundament für den Aufbruch in eine neue Zeit mitgebildet. „Das verbotene Notizbuch“ ist ein selten einfühlsames Buch in das innere Erleben einer Frauengeneration, die sich gleichsam in einen Schraubstock eingezwängt sah, der ihre Hoffnungen und Wünsche zerrieb: auf der einen Seite der enorme Druck der gesellschaftlichen Konvention, ausgeübt von Vätern, Ehemännern und Söhnen, aber auch von Müttern und Schwiegermüttern, auf der anderen Seite der Gegendruck der nächsten Generation der empörten Töchter, denen jedes Verständnis für das Opfer der Mütter fehlte und die von den Müttern heimlich und vielfach uneingestanden um ihre innere Freiheit beneidet wurden.
Die Rolle der Brückenbauerin Valeria hat Alba de Cespedes in gewisser Weise selbst eingenommen: Heute erscheint ihre Leistung nahezu vergessen, obgleich sie als Schriftstellerin und Journalistin im Widerstand gegen den Faschismus aktiv war und unter dem Pseudonym „Clorinda“ einen nicht unbedeutenden publizistischen Beitrag zur weiblichen Selbstermächtigung geleistet hat.
Liest man „Das verbotenen Notizbuch“ heute wieder, so findet man auch das: eine weitsichtige Diagnose gesellschaftlicher und menschlicher Verwundbarkeit, die den Roman für die Wiederentdeckung reif erscheinen lässt: Der soziale Abstieg, den der niedere Adel und die obere Mittelschicht als Folge der beiden Weltkriege erfahren haben, wiederholt sich gegenwärtig in der Mitte der Gesellschaft unter den sogenannten Modernisierungsverlierern. Darüber hinaus erscheint die mehrfach angesprochene Verführbarkeit durch Geld verblüffend aktuell: Arme Leute sollten Geld niemals aus allzu großer Nähe sehen, sagt Mirella. „Es ist sehr beeindruckend. Es macht Angst. Es ist der Kern allen Übels, der Grund für alles.“
Die Salzburger Bachmann-Edition präsentiert nicht nur Prosa, Gedichte, Essays, Hörspiele, Libretti und die Korrespondenz der Dichterin. Ein Band ist bislang unveröffentlichten Selbstzeugnissen gewidmet, er enthält ihre Tagebücher und autobiographische Versuche. Aber selbst die bruchstückhaften Notate im Zettelkasten eines vagabundierenden Lebens tragen die Handschrift einer Poetin.
Ausgestrahlt in der Sendereihe „Ex Libris“, am 15.9.2024
„Der Herbst, der sich vor mir auftut mit der Rückkehr nach München, lauter Improvisationen, alles bleibt unsicher; kein Ort, kein Halt, keine Bindung.“ Das schrieb Ingeborg Bachmann 1958 aus Neapel an Max Frisch zu Beginn einer Liebesbeziehung, die sie doch nicht zu erlösen vermochte aus dem Lebensgefühl, dessen Grundton Rast- und Ortlosigkeit war und das sich wiederkehrend mit einem Gefühl von Einsamkeit und Fremdheit in der Welt verband. Und auch mit einem Fernweh, dessen Ursprung Bachmann selbst in ihrer Jugend in Kärnten verortet, „in einem Tal, das zwei Namen hat, einen deutschen und einen slowenischen“, und in einem Haus, „in dem seit Generationen meine Vorfahren, Österreicher und Windische wohnten“. Nachzulesen ist diese Selbstbeschreibung im kürzlich erschienenen Band „Senza casa. Autobiographische Skizzen, Notate und Tagebucheintragungen“ im Rahmen der Suhrkamp-Reihe nachgelassener Schriften von Ingeborg Bachmann. Zitat:
„So ist nahe der Grenze noch einmal die Grenze: die Grenze der Sprache – und ich war hüben und drüben zu Haus, mit Geschichten von guten und bösen Geistern zweier und dreier Länder; denn über den Bergen, eine Wegstunde weit, liegt schon Italien.“ Dorthin vor allem, nach Italien, zog es die Dichterin später immer wieder, nach der Zeit in Wien und München, zwischen Paris und Zürich. Und dort, in Rom, starb sie 1973.
In ihrem dichterischen Werk hat Ingeborg Bachmann nicht zuletzt die Erfahrung existenzieller Einsamkeit und Verlorenheit des Menschen in der Moderne ausgedrückt. Im eigenen Schicksalsweg erlebte sie die dunkle Seite einer anbrechenden neuen Zeit, die die Chancen der Globalisierung als ihr Schatten begleitet: die innere Zerrissenheit zwischen Orten und Menschen. In der Verbundenheit mit Lebensmenschen fehlte es ihr gleichwohl an innerem Halt, allen voran in der wenig glücklichen Liebe zu Paul Celan, von der sie sich innerlich wohl nie gänzlich befreite. Eine Antwort auf die Unverbundenheit in der sozialen Realität entwarf sie in ihrer Dichtung. Dort vermochte sie in fremde Welten vorzudringen, so wie die aus dem Wasser kommende Nixe Undine in der Erzählung „Undine geht“, die unter den Menschen keine Bleibe findet.
„Senza casa“ könnte man auch mit „Kein zu Hause“ übersetzen: Der Band versammelt autobiographische Schriften der Dichterin aus dem Nachlass. Neben den bereits publizierten Tagebüchern aus der Zeit während und nach Ende des Krieges handelt es sich dabei um einige Notizhefte und zahlreiche auf losen Blätter verstreute Notate, die Tagebucheinträge und Autobiographisches enthalten, aber auch Entwürfe zu Briefen und Essays, Bachmanns „Zettelwirtschaft“, wie sie sie seit ihrer Gymnasialzeit gepflegt hatte, deren leserlicher Teil nun erstmals geordnet vorliegt.
Im Zentrum des Konvoluts unterschiedlicher Textsorten steht das 1956 während mehrerer Monate geführte „Neapolitanische Tagebuch“. Es wirft ein neues Licht auf das mehrjährige Zusammenleben mit dem Komponisten Hans-Werner Henze, mit dem Bachmann sogar die Heirat erwog. Bislang wurde diese über eine fruchtbare Zusammenarbeit weit hinausgehende Verbindung als Versuch einer geschwisterlichen Lebens- und Künstlergemeinschaft aufgefasst, in der Bachmann anders als in der Erfahrung von Lust und Schrecken in der Beziehung zu Paul Celan und später zu Max Frisch in Abgrenzung zum „dunklen Erdteil der Liebe“ einen Ruhepol fand. Die nun veröffentlichten intimen Aufzeichnungen dokumentieren allerdings den Schmerz über eine Liebe, die zur Qual wurde, weil sie der homosexuelle Freund nicht zu erwidern vermochte: „So vergeblich zu lieben ist wie zum Tod verurteilt sein, jeden Tag aufs Neue, und nicht zu sterben.“
Die Sammlung „Senza Casa“ enthält die intimsten schriftlichen Dokumente der Dichterin. Sie beeindrucken Seite um Seite aufs Neue durch die brillante Beherrschung der Sprache und die Treffsicherheit im Ausdruck von Beobachtungen und Reflexionen über die Welt und die Kunst, hingeworfen auf einige Fetzen Papier. Und sie zeichnen die Spur eines vagabundierenden Lebens in wechselnden Wohnungen und Hotels nach, verbunden mit materieller Unsicherheit. Zitat: „Alle sind längst heimgegangen. Aber man kann ja nicht heimgehen. Senza casa. Sono senza casa.“
Diese Texte wurden nicht für die Veröffentlichung geschrieben. Sie zeigen ein anderes Bild von Ingeborg Bachmann als das zu ihren Lebzeiten vermittelte. Das unterschwellige Leitmotiv ist das Alleinsein der Dichterin in der Welt. Schonungslose Selbstreflexionen offenbaren die sensible und verletzliche Seite der polyglotten, auf sich selbst gestellten Schriftstellerin, die sich im mondänen Trubel der intellektuellen Elite ihrer Zeit bewegte, in einer gleichwohl immer noch vorwiegend männlich geprägten Welt des geschriebenen und gesprochenen Worts, im Kreis der Gruppe 47 etwa oder im Hörsaal der Frankfurter Vorlesungen. Ihre Verletzlichkeit wusste Ingeborg Bachmann gut zu verbergen. In einem ihrer späten Interviews verweigerte sie jede weitere Stellungnahme zu ihrem Leben mit der Begründung: „Ich habe zu schreiben. Und über den Rest hat man zu schweigen“. Befasst man sich nun mit diesen Texten, spekuliert über sie und trägt sie an eine breite Öffentlichkeit heran, dann folgt man nicht ihrem Wunsch, dessen sollte man sich bewusst sein. Und dennoch lässt sich die Lektüre dieser Seiten damit rechtfertigen, dass sie eine vertiefte Annäherung an das Werk der Dichterin ermöglichen, vor allem nämlich an die Welterfahrung, aus der dieses geschaffen wurde. Ob der eindringliche, von Düsternis überschattete Ton ihrer späten Gedichte, etwa die „Lieder auf der Flucht“, oder ihr Prosa-Zyklus über die „Todesarten“: Die intimen Bekenntnisse erlauben es, ein Stück näher zur schöpferischen Quelle ihrer Texte vorzudringen, sie machen die seelischen Umstände transparent, die Bachmann zum Gefäß für den Eiter der Wunden ihrer Epoche werden ließen. Zugleich, und nicht zuletzt das macht die Sammlung autobiographischer Texte lesenswert, sind es doch in jeder Zeile die Worte einer Dichterin, deren Weltbeobachtung vom Standpunkt einer bemerkenswerten inneren Unabhängigkeit auch heute beeindruckt und inspiriert. Etwa ihre Reflexionen über die Salonkommunisten ihrer Zeit in einer undatierten Notiz: „Alle diese Revolutionäre haben leicht reden, denn selten hat man einen in Versuchung gebracht.“ Oder das Nachdenken über das, was sie von Frauen in ihrer Umgebung trennt: „Sie sind immer glücklich über die Solidarität des Fühlens und Denkens. Etwas, das mir völlig fremd ist“. Wenngleich sie einräumt, auf der Straße den Anblick von Frauen zu genießen, anders als den von Männern: „Das ist vermutlich sehr weiblich, wenn es das überhaupt gibt.“
Aufschlussreich für die seelischen Koordinaten der Ingeborg Bachmann ist nicht zuletzt das Kriegstagebuch. In dessen erstem Teil vollzieht sie den Bruch mit der Kriegswelt der Erwachsenen, mit denen man nicht mehr reden könne, mit den „Herren Erziehern“ der Lehrerbildungsanstalt, „die uns umbringen lassen wollen“. Im zweiten Teil berichtet sie von der Begegnung mit dem jüdischen Besatzungssoldaten und österreichischen Emigranten Jack Hamesh, in den sie sich verliebt und mit dem sie über die Literatur eine gemeinsame Sprache findet. Einprägsam ist Hameshs anfängliches Misstrauen der Tochter eines NS-Offiziers gegenüber und deren hilfloses Unbehagen darüber, dass ihr, die der Mitgliedschaft beim BdM hatte entgehen können, ohnehin nicht geglaubt würde: „Es ist ganz unverständlich, warum man auch rot wird und zittert, wenn man die Wahrheit sagt.“
Man erahnt auf diesen Seiten, einmal mehr, die Kriegstraumata einer ganzen Generation, die dem Werk der womöglich bedeutendsten Dichterin der Nachkriegszeit vorangegangen sind.
Die Romane von Fjodor Dostojewskij und seine Kunst, einen Krimi-Plot dafür zu benutzen, um philosophische Fragen zu stellen und in Romanfiguren unterschiedliche Antworten anzubieten, haben mich schon früh fasziniert. Dostojewskij selbst war ein Getriebener, der viele der menschlichen Abgründe, die er beschreibt, auch selbst durchlebte. Andreas Guski bietet einen aufregenden Einblick in Biographie und Werk eines Schriftstellers. Dostojewskij war nicht nur ein sensibler Diagnostiker seiner Zeit, er hat auch so manches vorausgeahnt, was ihn bis heute aktuell macht. Auch wenn es schwieriger wird, in die immer ferner rückende 19. Jahrhundert einzutauchen und in unserer beschleunigten Welt Zeit für dicke Romane zu finden: der Aufwand lohnt sich allemal.
Erschienen im Spectrum der „Presse“ am 1.12.2018
Es ist still geworden um diesen Autor. Fjodor Dostojewskijs Werk ruht gut verwahrt im Kanon der Weltliteratur. Für den intellektuellen Diskurs scheint er sich als Prophet der 20. Jahrhunderts, als den ihn Albert Camus mit dem Blick auf die Totalitarismen seiner Epoche noch vor einem guten halben Jahrhundert gepriesen hat, erledigt zu haben. Mit der Rezeption dieses Autors im 21. Jahrhundert ist es eine heikle Sache: Romane wie „Schuld und Sühne“ und „Die Brüder Karamsow“ sind dicke Wälzer mit verschlungenen Plots, die hohe und vor allem lang anhaltende Lesekonzentration erfordern, nichts für Eilige im hektischen Alltag der Gegenwart. In der fiebrig-nervösen Exaltiertheit so mancher Romanfigur entfaltet sich eine Form von Emotionalität, die dem nüchtern-sachlichen Grundton unserer Zeit zuwiderläuft. Und vor allem: Dreh- und Angelpunkt von Dostojewskijs Werk ist die Frage nach Gott im Ringen um Glauben und Zweifel. Die daraus abgeleitete zentrale Überzeugung, dass nämlich der Verlust des Glaubens die Ursache aller Probleme in Gegenwart und Zukunft sei, hat dazu beigetragen, diesen Autor und Denker einer säkularisierten Gesellschaft zu entfremden.
Damit ist leider auch einiges in Vergessenheit geraten, was den Schriftsteller aus Petersburg auf der Höhe unserer Zeit diskurswürdig macht. Neben der Psychologie der seelischen Abgründe des Menschen, neben einer Metaphysik des Verbrechens und neben der Bedeutung von Transzendenz für den menschlichen Geist zieht sich ein weiteres Thema durch so gut wie alle seine großen Werke, das eine Debatte über diesen Autor höchst aktuell und in Zeiten der globalen Finanz- und Schuldenkrise geradezu brisant erscheinen ließe: das Wesen des Kapitals in der modernen Gesellschaft. Die Gedanken dieses über weite Strecken seines Lebens hoch verschuldeten Schriftstellers kreisten ständig um Geld: Dostojewskij musste das Schreiben, das ihm als einzig mögliche Form von Erwerbsarbeit erschien, selbst finanzieren, anders als seine Schriftstellerkollegen und -konkurrenten Iwan Turgenjew und Lew Tolstoj. Sie waren als adelige Gutsbesitzer nicht auf die Einnahmen ihrer schriftstellerischen Tätigkeit angewiesen und hatten im russischen Verlagswesen nicht zuletzt deshalb einen weitaus höheren Marktwert. Aber nicht nur die Gesetze des modernen (Literatur-)Marktes, mit denen Dostojewskij schmerzlich Bekanntschaft machte, hinterfragte er aus eigenem Erleben. Als nach dem Tod des Lieblingsbruders Michail das Projekt der gemeinsamen Zeitschrift endgültig eingestellt werden musste, das den Brüdern und der Familie Michails wenigstens eine Zeit lang das Auskommen gesichert hatte, verzockte Dostojewskij auf seinem vierjährigen Auslandsaufenthalt auf der Flucht vor seinen russischen Gläubigern notorisch sein Geld in deutschen Kasinos, zur Verzweiflung seiner Frau, die Kleider und Schmuck ins Pfandhaus trug. Geld wird in Dostojewskij Romanen gewonnen und verloren, verbrannt und gestohlen, es bewegt sich im Spannungsfeld zwischen dem fiktiven Ort Roulettenburg in „Der Spieler“ und dem Protagonisten Arkadij im „Jüngling“, der mit dem Vorsatz antritt, ein Kapitalist zu werden, und am Ende ein weit wertvolleres Kapital erworben haben wird, nämlich sich selbst.
Zum ersten Mal seit mehr als einem Viertel Jahrhundert ist nun wieder eine Biographie über Fjodor Dostojewskij auf Deutsch erschienenen. Andreas Guski hat ein brillantes Buch geschrieben, das seinem biographischen Objekt absolut gerecht wird: einem Autor, der mit einst höchst publikumswirksamen kriminalistischen Romanen zum Klassiker wurde. Die Arbeit des emeritierten Professors für Slawistik an der Universität Basel ist wissenschaftlich ebenso solide wie vergnüglich zu lesen, wenngleich die Tragik der erzählten Lebensgeschichte betroffen macht. Man liest sie mit ebensolcher Atemlosigkeit wie Dostojewskijs Romane. Die Biographie ebnet den Weg zum Begreifen, zum Verstehen mit dem Herzen, um das es dem Dichter ging. Das lässt auch das Ungemütliche in seinem Werk besser akzeptieren, mit dem man sich bisweilen schwer tut, allem voran mit seinem Judenhass. Es ist ein Buch, das dazu angetan ist, heutigen Lesern den Weg neu zu bahnen zu einem Autor, von dem alles, was er als Fiktion zu gestalten vermochte, selbst erfahren, durchlebt und durchlitten worden war.
„Immer und überall gehe ich bis an die äußersten Grenzen, mein ganzes Leben lang habe ich diese Grenzen überschritten.“ Als Epileptiker machte er diese Grenzerfahrung in einem jenseitigen Bezirk: Er beschrieb das Glücksgefühl, das einem häufig Grauen erregenden Anfall voranging, als einen Moment der Hellsichtigkeit.
Die zentrale Grenzerfahrung seines Lebens war jedoch die Konfrontation mit dem Sterben im Alter von 28 Jahren. Als Mitglied einer gegen das autokratische Regime von Nikolaus I. gerichteten Gruppe utopischer Sozialisten wurde er nach einer mehrmonatigen Haft in der Peter-Pauls Festung zum Tod verurteilt und an einem eisigen Dezembertag 1849 im letzten Moment auf dem Richtplatz begnadigt. Das Todesurteil wurde in vier Jahre sibirische Gefangenschaft und weitere vier Jahre Verbannung umgewandelt. Über die Zeit inmitten von Schwerverbrechern im Lager geben die „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ Auskunft. Dorthin begleitete den Schriftsteller ein einziges Buch: das Neue Testament. Diese Zäsur in seinem Leben wurde zum Moment der Bekehrung. Nicht nur Dostojewskijs Hinwendung zu einer spirituellen Deutung von Welt hat an diesem Wendepunkt ihren Ursprung, sondern auch seine allmähliche Konversion zum späteren zarentreuen Konservativen, über die viel gerätselt wurde. In den folgenden Jahren festigte er seine europakritische Weltanschauung innerhalb des Diskurses der russischen Intelligenz des 19. Jahrhunderts auf der Seite der Slawophilen, die für Russland einen eigenständigen, an der russisch-orthodoxen Tradition orientierten Entwicklungsweg forderten und die seit Peter dem Großen vollzogene Orientierung am Westen und dessen Werten als individualistisch und zersetzend ablehnten. Dostojewskij, der diesen Disputen in seinen späten Romanen viel Raum gibt, kannte die Position der „Westler“, weil er sie einst selbst durchmessen hatte.
In der Vereinnahmung von Dostojewskijs Werk in Putins Russland spiegelt sich zum einen der „Autor der Krise“ wider, als den ihn Guski anhand der Rezeptionsgeschichte beschreibt, zum anderen ist die Diskussionen zwischen Slawophilen und Westlern des 19. Jahrhunderts auch ein Schlüssel zum besseren Verständnis des aktuellen geopolitischen Konflikts, der alte ideengeschichtliche Bruchlinien wieder zu Tage treten lässt.
Thomas Sautner zählt zu jenen österreichischen Autoren der Gegenwart, die man nicht verpassen sollte. In seinen Romanen durchdringt der gebürtige Waldviertler die Atmosphäre konträrer Welten zwischen Stadt und Land und bringt sie auf unnachahmliche Art zum Leuchten. Während sein jüngster Roman Pavillon 44 in Wien spielt, schildert Sautner das Leben auf dem Land mit seinem intensiven Kontakt zur Natur im niederösterreichischen Grenzgebiet zu Tschechien in früheren Werken wie Großmutters Haus und Die Erfindung der Welt, übrigens aus weiblicher Perspektive. In der Erfindung der Welt erlebt die Schriftstellerin Aliza Berg ihre Verwandlung in eine Romanfigur: ein Spiel mit der Fiktion in der Fiktion.
Ausgestrahlt in der Sendereihe „Ex Libris“, am 28.2.2021
Das Leben mit unbestechlichen Augen neu entdecken: So lautet der nur mit G unterzeichnete Auftrag an die renommierte Autorin Aliza Berg, der diese nach Schloss Litstein führt und ihr die kleine Ortschaft im Grenzgebiet für ihr nächstes Romanprojekt empfiehlt, um „das Leben exemplarisch anhand dieser Gegend und all ihrer Bewohner zu beschreiben“. Eine immense Summe ist dazu bereits auf Alizas Konto überwiesen und die Schriftstellerin vermag dem verführerischen Angebot nicht zu widerstehen. Auf dem Schloss findet sie die Gastfreundschaft von Elli, Gräfin Hohensinn, und in ihr bald auch eine neue Freundin. Nach und nach erkundet Aliza nicht nur die Welt der Aristokratie, sondern taucht ein ins soziale Beziehungsgeflecht vor Ort.
In dem neuen Roman von Thomas Sautner „Die Erfindung der Welt“ trifft man auf alte Bekannte aus dem Sautnerschen Figuren-Kosmos: Neben Leopold, Ellis Gatten, der bereits in „Großmutters Haus“ als heimlicher Geliebter der Krystina Janouch aufgetreten ist, macht nun auch Aliza mit der exzentrischen Einsiedlerin und Großmutter von Malina Bekanntschaft sowie mit einem ihrer anderen Freunde, mit dem ehemals schweigenden Jakob, der ebenfalls zurückgezogen im gräflichen Forst lebt. Elli hat ihn für sich entflammt und dadurch zum Sprechen gebracht, auch sie unterhält ihre heimliche Liebesbeziehung.
Mit Aliza Berg, so könnte man meinen, habe Sautner ein Autoren-Alter Ego eingeführt, um einen Blick in eine Schreibwerkstatt anzubieten. Aber der Blick über Alizas Schulter ist einer mit Vorbehalt, denn während diese für ihren Roman recherchiert, stolpert sie in ihren eigenen Roman förmlich hinein und verliert zeitweise völlig die Kontrolle, während Sautner wie ein Puppenspieler im Hintergrund souverän die Fäden zieht. Gelegentlich nimmt er einen Perspektivwechsel vor, von Alizas erzählendem Ich zu Ellis Ich im Briefwechsel mit Jakob, in der dritten Person gesteht er dann auch anderen Protagonisten die Erzählperspektive zu. In seinen früheren Romanen, „Die Älteste“, „Das Mädchen an der Grenze“ und auch in „Großmutters Haus“ haben weibliche Figuren den Ton angegeben. Nun tritt zum ersten Mal ein Mann zögerlich ins Rampenlicht: Stand Graf Leopold in „Großmutters Haus“ noch im Schatten der resoluten Krystina Janouch, gewinnt er hier an Profil, und aus der Verkleidung des ein wenig tollpatschigen und auch erstaunlich anarchischen Toren schält sich ein im Herzen Weiser heraus.
In der „Erfindung der Welt“ führt Thomas Sautner vor, wozu Literatur in der Lage ist, und lässt uns wissen: Ein Kunstwerk ist etwas Lebendiges. Der Autor muss bereit sein, sein Werk sich selbst zu überlassen, sobald es der Schaffensprozess erfordert, er darf sich von seinem Roman überraschen lassen.
Aliza bekommt wie Malina in „Großmutters Haus“ ein großzügiges Geldgeschenk, um eine Reise zu wagen und sich auf ein äußeres wie inneres Abenteuer einzulassen. Über dieses alte Thema improvisiert Sautner in einer neuen Variation: Er nimmt Schwung, springt und landet in einem ganz anderen literarischen Projekt, das in seiner Vielschichtigkeit geradezu überwältigt. In der „Erfindung der Welt“ hat sich Thomas Sautner als Autor noch einmal neu gefunden, indem er mit der ihm eigenen gestalterischen und inhaltlichen Buntheit ein in sich stimmiges Romangebilde modelliert hat: Es ist von der Aura der sympathischen Verrücktheit umhüllt, zugleich ist Sautner ein Mystiker der Literatur, der bei allem, was ihm begegnet, das Große im Kleinen sucht und das Kleine im Großen findet: Er bildet das faszinierende Wechselspiel zwischen Mensch und Natur, zwischen winzigstem Teilchen und der kosmischen Unendlichkeit ab, er macht die Verbundenheit von allem mit allem durch Worte zu einem einzigen Ganzen.
In der „Erfindung der Welt“ entfaltet sich eine nahezu phantastische Schöpferkraft, sowohl, was die Komposition der Handlung betrifft, als auch die Konstellation der Figuren. Vor allem aber atmet das Buch im Rhythmus zwischen Vorantreiben und Innehalten, zwischen erzählter Handlung und episodenhafter Reflexion in lyrisch gestalteten philosophischen Betrachtungen über die Herausforderungen des Jetzt oder der beobachtenden Meditation über die Natur, über Zwei- und Vierbeiner in Wald und Gewässern bis hin zu Ausflügen in die entferntesten Galaxien des Weltalls. Und auch das ist Sautners Text: ein Fest der Sinne und der Sinnlichkeit, das Menschen auf diesen Seiten miteinander feiern.
Die lustvolle Sprachakrobatik, der man in diesem Text immer wieder begegnet, dient dabei einem höheren Zweck, dem Nachdenken, das sich über das Erzählen von Geschichten zu einer Botschaft über die Rätsel des Lebens verdichtet, zum Offert, dem jeder entnehme, was er gerade zu fassen vermag: eine Kombination, die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht gerade oft anzutreffen ist.
Sautner beherrscht sein Sprachmaterial wie ein Maler, der zwischen unterschiedlichen Techniken behände hin- und herwechselt und in einem Moment zarte Pastelltöne auf Aquarellpapier zaubert, im nächsten dann grobe Textur in Öl auf die Leinwand kleckst: Da wechseln wie im Rausch erzeugte explosive Sprachkaskaden und Wörter, die Purzelbäume schlagen, mit tiefsinnigen Passagen, in denen die Worte bedächtig von allen Seiten betrachtet werden, sodass ihre Poesie durchsichtig, nahezu ätherisch wirkt.
Die Literaturwissenschaft wird Freude haben mit der Ausdeutung dieses Romans, denn er ist voll von rätselhaften Symbole. Volksnah präsentiert und doch in lebendiger Kommunikation mit der kulturellen Tradition lugen sie hervor: etwa Shakespeares Kopf, an dem in der Schlossbibliothek gedreht werden kann, um in eine geheime Kammer zu gelangen, deren Bedeutung sich wiederum durch die Geschichte von Odysseus Kampf mit dem Zyklopen Niemand verschlüsseln lässt.
Du bist durchgeknallt, sagt Aliza zum zwergwüchsigen Fred, und passagenweise passt diese Zuschreibung auch für Sautners Roman. Immer wieder wird die scharfe Kurve aus dem surreal-phantastischen Grenzgebiet unfallfrei zurück genommen ins realistische Erzählen und der Leser dabei ebenso neben- wie hauptsächlich mit dem tieferen Sinn des Seins konfrontiert.
Gewissheiten stehen bei Sautner jedenfalls immer auf dem Prüfstand, auch die Wissenschaft ist da nicht ausgenommen: Gegenstand einer mit Augenzwinkern vorgetragenen Persiflage ist das ebenso brilliant wie hinterlistig an die Öffentlichkeit kommunizierte Ewigkeitsexperiment des Quantenphysiker Anton Czech, für dessen Darstellung der Prim-Energie der Nobelpreis erwogen wird. Sautner lässt es nicht an Schalk fehlen, mit dem er sich Anspielungen auf Gegenwärtiges erlaubt: so etwa auch Ellis lebensbedrohlicher Herzvirus, die seltene Mutation, die zur Verblüffung der Ärzte ohne Ansteckung erworben werden kann.
Vermessen ist die Welt bereits, zumindest in der österreichischen Gegenwartsliteratur: Sautner plädiert für den Wagemut, sie neu zu erfinden. Auch das gehört zur Vielschichtigkeit dieses Buchs – eine Passage, in der Thomas Bernhards Sprachduktus herrlich imitiert wird, aus der man je nach Neigung eine Hommage oder eine Persiflage herauslesen kann: Bewohner des Ortes schildern das Vergnügen an vergangenen Treibjagden, die nunmehr leider abgeschafft sind, da die Agenden der Jagd jetzt in weiblicher Hand lägen, bei Gräfin Elli. Man könnte das so lesen: Der Waldviertler Autor knüpft an eine bedeutende Stimme der österreichischen Literatur an, nicht ohne Respekt, aber doch mit einer versöhnenden Geste.
Gerade in Corona-Zeiten lässt sich „Die Erfindung der Welt“ als Lektüre ganz besonders empfehlen: eine gut gelaunte Flucht ins Reich der Phantasie, eine von Witz und Ironie begleitete Exkursion ins ländliche Ambiente, wo in Verbindung mit mystischer Naturbetrachtung Kraft gesammelt wird, um zum mutigen Gegenentwurf auszuholen für die bis zur Erschöpfung ausgegangenen Wege. Ein Meisterwerk der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur und ein literarisches Therapeutikum in der krisengebeutelten Gegenwart.